„Aus Ihnen wird nie etwas, Einstein!“

Kindheit und Jugend

 

Albert Einstein wird als einziger Sohn des liberalen jüdischen Ehepaars Hermann und Pauline Einstein am 14. März 1879 in der Bahnhofstraße Nr. 135 in Ulm geboren. Er verbringt seine Kindheit in München, wo Vater und Onkel eine kleine elektrotechnische Firma besitzen. Schon früh lebt er in einer Gedankenwelt, die für ihn voller Wunder steckt. Zu den ersten dieser Wunder zählt der Kompass, den der Vater dem Vierjährigen zeigt. Wie kann eine Nadel sich immer nach Norden ausrichten, während alle anderen Gegenstände nach unten fallen?

 

Einsteins Mutter ist eine hervorragende Pianistin und vermittelt Einstein, als er sechs Jahre alt ist, die Liebe zur Musik und zur Geige – eine Leidenschaft, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Mit zwölf Jahren ist er fasziniert von der euklidischen Geometrie und fragt sich immer wieder, wie ein so vollkommen klares und sicheres logisches System erdacht werden konnte. Wenige Zeit später macht er sich vertraut mit den Prinzipien der höheren Mathematik – Differenzial- und Integralrechnung. Im Gymnasium fühlt er sich eingeengt durch Disziplin und Strafe: Die Neugier des Forschens werde dort erdrosselt, schreibt er später. Lehrer meinen, aus Einstein werde nie etwas, weil er sich mit seinem Eigensinn nichts sagen lässt und unaufmerksam ist. Um der eisernen Schuldisziplin und der deutschen Wehrpflicht zu entgehen, verlässt er München 1895 ohne Abschlussprüfung und reist zu seinen Eltern, die kurz   zuvor nach Mailand gezogen sind. Dort verbringt er die Zeit im Selbststudium, um sich für die Aufnahmeprüfung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich vorzubereiten. Er schreibt seinen ersten naturwissenschaftlichen Essay über die Frage, wie sich der Äther in einem magnetischen Feld verhält. Im Alter von 17 Jahren schafft Einstein im zweiten Anlauf die    Immatrikulation an der ETH in Zürich. Auch hier als Student zeigt er sich als „Eigenbrötler“: Er fehlt oft bei den Pflichtveranstaltungen, um zu Hause die Meister der theoretischen Physik zu studieren. Kurz nach dem Abschluss-examen schickt er seinen ersten wissenschaftlichen Artikel an die damals größte physikalische Fachzeitschrift Europas, die „Annalen der Physik“. 1896 gibt Einstein die deutsche Nationalität auf: Er wird Bürger der Schweiz. Nach zwei Jahren erfolgloser Suche findet er eine feste Stelle am Schweizerischen Patentamt in Bern.

 

 

Das „Wunderjahr“

 

Als Patentexperte 3. Klasse verbringt Einstein sieben glückliche Jahre in Bern. Frei von Geldsorgen kann er abends und an den Wochenenden seinen Interessen nachgehen. Er heiratet gegen den Wunsch seiner Eltern Mileva Maric, die er während des Studiums an der ETH kennen gelernt hat und mit der er zahlreiche physikalische Probleme diskutiert. Noch vor der Eheschließung wird die Tochter Lieserl (1902) geboren. Über das Schicksal des Kindes ist bis heute nichts weiter bekannt; Albert Einstein lernt sie nie kennen. Einsteins Äußerungen in Briefen an Mileva Maric lassen vermuten, dass Lieserl zur Adoption frei gegeben wurde. Aus der Ehe gehen zwei Söhne, Hans Albert (1904) und Eduard (1910) hervor. Zusammen mit seinen Freunden Paul Habicht und Maurice Solovine diskutiert Einstein in der selbstgegründeten „Akademie Olympia“ Probleme der Physik und der Philosophie. Ihre Gedanken kreisen um verschiedene offene Fragen: Sind Atome nun real oder sind es mathematische Fiktionen? Wenn es Atome wirklich gibt, wie kann man dann ihre Größe messen? Und wenn ihre Größe messbar ist, wird es dann möglich sein, auf der atomaren Ebene eine Erklärung für gewisse Phänomene zu finden, beispielsweise dafür, dass Wärme immer in Richtung auf einen kalten Gegenstand fließt und nie  umgekehrt? Was ist eigentlich die Ursache von Elektrizität und Magnetismus? Welche Rolle spielen Elektronen und ihre Bewegungszustände dabei? Was hat es mit der Quantisierung der Absorption und Emission von Energie auf sich, die Max Planck 1900 postuliert hat? Ist tatsächlich die Energie quantisiert und wenn ja, gibt es sie dann in allen energetischen Prozessen? Das wäre ein Umsturz im physikalischen Weltbild!

 

Fragen über Fragen. Einstein sitzt oft stundenlang da und grübelt. Charakteristisch für seine Arbeitsweise ist, dass er stets versucht, Fragen von allen  Seiten zu betrachten und von ganz unterschiedlichen Disziplinen her zu beleuchten. Auf diese Weise, als Querdenker im wahrsten Sinne des Wortes, findet Einstein den Schlüssel zur Auflösung vieler Fragen. Im „Annus mirabilis“ 1905 öffnet der 26-Jährige in kurzer Zeit mehr Horizonte in der Physik als irgendjemand vor ihm. So reicht er im März 1905 eine Schrift über die Strahlung und die energetischen Eigenschaften des Lichtes bei den „Annalen der Physik“ ein. Er erklärt darin den photoelektrischen Effekt. Für diese Arbeit wird er 1921 den Nobelpreis für Physik erhalten.

Im April 1905 schließt er seine 21-seitige Dissertation ab. Darin beschreibt er, wie man die absolute Atomgröße bestimmen kann. Mitte Mai liefert er erstmals die richtige Erklärung dafür, warum in Flüssigkeit suspendierte Pollen oder Rauchteilchen unter dem Mikroskop ganz kleine, ungeordnete Bewegungen ausführen. Einstein zeigt, dass das Zittern, das auch als Brown'sche Bewegung bekannt ist, verursacht wird von dem Zusammenstoßen der Moleküle, die sich nach der bereits existierende Wärmetheorie dauernd, heftig und unregelmäßig bewegen. Im Juni veröffentlicht er erstmals ein neues Prinzip, das er selbst als das „Relativitätsprinzip“ von Raum und Zeit beschreibt. Im September folgt der nächste Artikel zu dem, was wir heute die Spezielle „Relativitätstheorie“ nennen. Dieser enthält die wohl berühmteste aller Formeln: E = mc². Im Dezember schließlich führt er seine Gedanken über die Brown’sche Bewegung weiter aus.

 

 

Im Blickpunkt der Öffentlichkeit

 

Was kann nach so einem Wunderjahr noch folgen? Die Aufsätze stoßen in Fachkreisen zunächst auf wenig Aufmerksamkeit, beruflichen Nutzen bringen sie ihm erst recht nicht. Einstein will sich an der Universität von Bern habilitieren, aber sein erster Versuch wird abgelehnt. Allmählich findet die Spezielle Relativitätstheorie Anklang. Einstein korrespondiert über die zentrale Botschaft seiner Theorien mit den bedeutendsten Physikern seiner Zeit. Im November 1907, während er einen Übersichtsartikel vorbereitet, kommt ihm die zündende Idee für die Allgemeine Relativitätstheorie. Er versucht, Newtons Gravitationslehre in die Spezielle Relativitätstheorie einzubauen. Aber es gelingt ihm nicht auf Anhieb. Acht lange Jahre, bis November 1915, braucht er, um die Allgemeine Relativitätstheorie, so wie wir sie kennen, mathematisch einwandfrei auszuformulieren. Er kann jetzt hauptberuflich daran arbeiten, erst mit einer Anstellung als Professor an der Universität von Zürich, danach in Prag und Berlin. In Berlin lebt und arbeitet Einstein von 1914 bis 1932. Im Blickfeld der breiten Öffentlichkeit wie auch privat verbringt er hier 18 bewegte Jahre. Das Sommerhaus in Caputh bringt ihm Ruhe, und er kann dort seiner großen Leidenschaft nachgehen: Segeln.

 

In seinem berühmtesten Buch „Über die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie“ (1917) gibt er eine allgemein verständliche Erklärung seiner Gedanken. Im Rahmen einer Sonnenfinsternis-Expedition der Royal Society of London wird die Richtigkeit seiner Theorie 1919 bestätigt. Auf einen Schlag wird der Erfinder der Relativitätstheorie weltberühmt. Im November 1919 überschlagen sich die Zeitungen mit Überschriften wie „Revolution in der Wissenschaft!“, „Eine neue Theorie des Universums!“, „Newtons Gesetze sind gestürzt!“, „Alle Lichter hängen schief am Himmel: Einsteins Theorie triumphiert!“.

 

 

„Deutsche, wehrt euch!“

 

Einstein ist ein „Medienstar“ geworden; aber schon bald hat er den Rummel satt. Er beginnt, seinen Namen verstärkt für seine politischen Überzeugungen einzusetzen. Er ruft, gemeinsam mit anderen Gelehrten in einem Manifesto, genannt „Aufruf an die Europäer”, gegen den Krieg auf. Außerdem beteiligt er sich an der Debatte um einen autonomen jüdischen Staat in Palästina und engagiert sich aktiv für den Pazifismus. Das gefällt nicht allen. In der deutschen Physik entsteht eine Gruppierung, aus deren Sicht die „Relativierung“ der Physik eine Begleiterscheinung der allgemeinen „Verwestlichung“, „Liberalisierung“ und „Verjudung“ des geistigen Klimas ist. Statt sich mit den feststehenden Tatsachen der experimentellen Physik zu befassen, schweife die theoretische Physik immer mehr aus in „leere Abstraktionen“, „unorganische Naturbetrachtungen“ und „exzessive Mathematisierungen“.

 

Das wird als typischer Grundfehler des „jüdischen Urcharakters“ angesehen. Am 20. April 1933 feiert die „Deutsche Gesellschaft für anschauliche Physik“ Hitlers Geburtstag. Man gibt bekannt, dass man die „Befreiung deutscher Wissenschaft von jüdischen Einsteintheorien“ unterstütze. Einstein wird als „zionistischer Hetzer“ und „Scharlatan“ dargestellt. Für Einstein, der die politische Entwicklung in Deutschland mit wachem Blick verfolgt, kommt der Nationalsozialismus nicht unerwartet. Noch auf der Rückreise von einer Vortragsreihe in Amerika nach Europa kündigt er an, dass er nicht nach Deutschland zurückkehren wird. Er tritt aus der Berliner Akademie der Wissenschaften aus. Daraufhin gibt Einstein der Deutschen Gesandtschaft in Brüssel den Auftrag, seine preußische Staatsbürgerschaft aufzuheben. Einsteins gesamtes Vermögen wird von den Nazionalsozialisten konfisziert, und er entscheidet sich, nach Amerika zu gehen.

 

 

Auswanderung nach Amerika

 

In Amerika erhält er den Ruf als Professor an das Institute for Advanced Study in Princeton. Auch in seiner neuen Position ist er politisch aktiv. Seine wohl berühmteste politische Tat sind vier Briefe, die er 1939/40 an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt schreibt. Er warnt darin vor der Gefahr „Hitler-Deutschlands“ und äußert seine Befürchtung, dass die Nazis eine Atombombe entwickeln könnten, die eine ungeheure Vernichtungskraft hätte. Die Atombombe, die ohne Einsteins Mitwirken in den Kriegsjahren in Amerika gebaut wird, verwüstet 1945 die beiden japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Einstein bemüht sich noch zusammen mit anderen Physikern erfolglos darum, den Einsatz der Atombombe durch Präsident Truman zu verhindern.

 

Nach dem Krieg setzt sich Einstein mit Nachdruck für eine Weltregierung ein, die dem Nationalismus vorbeugen und weltweiten Frieden bringen soll. Er wendet sich vehement gegen alle Formen der Unterdrückung und Militarisierung und ruft alle Intellektuellen dazu auf, sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen. Wieder passen Einsteins politische Ansichten nicht in den allgemeinen Zeitgeist. Inhaltlich versucht Einstein jetzt vor allem, eine einheitliche Feldtheorie zu formulieren, die Gravitation und Elektrizität miteinander vereint. Das Ziel ist es, alle Materie und Kraftfelder des Universums in einer Formel, dem „vereinheitlichten Feld“, zusammenzufassen. Einstein hatte erstmals in den 20er Jahren von einer derartigen Vereinheitlichung gesprochen. Aber auch nach langwieriger Arbeit – seine Frau Elsa beschreibt sie als das „Höchste und Tiefste, was er je geschaffen“ – gelingt es ihm nicht, sie zu formulieren. Seitdem sind alle Versuche, eine einheitliche Feldtheorie zu definieren, auch „Weltformel“ genannt, ohne Erfolg geblieben. Einstein stirbt am 18. April 1955 im Alter von 76 Jahren im Krankenhaus von Princeton an einem Riss der Aorta.

 

 

Hinweis: Den Basistext „Aus Ihnen wird nie etwas, Einstein!“ als PDF-Datei

 

 

 

 

Ein Logo bestehend aus Bild und Schrift. Bild: Eine Schwarz-Weiss-Aufnahme von Einstein. Schrift: Einsteinjahr 2005.
 
Eine Projektion mit folgendem Inhalt: Das schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.
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